Honigwerk Hildesheim

Proteinteig im Frühjahr

Proteinteig im Frühjahr
Eine sachliche Einordnung der Futterteiggabe

Im Frühjahr wird in der Imkerschaft kaum ein Thema so kontrovers diskutiert wie die Gabe von protein­haltigem Futterteig. Von „völlig unnötig“ bis „schädlich“ ist alles dabei. Wir vom Honigwerk Hildesheim machen daraus kein Glaubensthema und auch kein Dogma. Dennoch  sagen wir ganz klar: Wir sind pro Futterteig.

Gleichzeitig ist uns wichtig, das sauber einzuordnen. Diese Arbeit muss nicht zwangsläufig gemacht werden, um Bienenvölker erfolgreich zu führen. Völker können auch ohne Proteinergänzung überwintern, in Brut gehen und sich normal entwickeln. Das ist unstrittig. Unser Ansatz ist ein anderer: Wir wollen den optimalen Start für unsere Völker, mit dem Ziel stabiler Entwicklung und guter Voraussetzungen für die Frühtracht.

Der Hintergrund ist biologisch gut beschrieben. In Deutschland beginnt die Brutaufnahme meist zwischen Ende Januar und Februar, in milden Wintern auch früher [1][2]. Dieser Brutbeginn ist keine Reaktion auf aktuellen Polleneintrag, sondern wird vollständig aus den Reserven der Winterbienen getragen [2][3]. Der erste Brutzyklus wird über den Fettkörper ermöglicht, über das Speicherprotein Vitellogenin und die Aktivierung der Futtersaftdrüsen zur Futtersaftproduktion [3][4]. Das funktioniert, ist aber ein begrenzter Prozess. Je länger kein externer Pollen vorhanden ist, desto stärker werden diese Reserven abgebaut, mit Folgen für Alterung der Winterbienen und Brutumfang [3][4].

Perga, also im Vorjahr eingelagerter Pollen, wird in dieser Phase zwar mitgenutzt, spielt aber nur eine unterstützende Rolle. Zugänglichkeit im Winter, Alter des Pollens und begrenzte Mengen setzen hier klare Grenzen. Perga allein kann einen anhaltenden Proteinengpass nicht kompensieren [1][3]. Am Ende bleibt es dabei: Die Winterbienen zahlen den frühen Brutstart aus eigener Substanz zulasten ihrer Langlebigkeit.

Genau an diesem Punkt setzen wir an. Nicht, um Brut künstlich zu erzwingen oder die Entwicklung hochzuziehen, sondern um den Übergang abzufedern. Uns geht es darum, den Druck von den Winterbienen zu nehmen und die Entwicklung zu stabilisieren, bis der natürliche Polleneintrag zuverlässig einsetzt. Das ist aus unserer Sicht eine bewusste Unterstützung in einer physiologisch kritischen Phase.

Was wir allerdings genauso klar sagen: Nicht jeder Futterteig bringt etwas. Viele Produkte auf dem Markt enthalten extrem niedrige Proteinmengen, teils um 1 % Rohprotein. Aus biologischer Sicht ist das praktisch wirkungslos. Damit lässt sich weder der Fettkörper entlasten noch die Brutpflege relevant unterstützen [1][3]. Dass viele Imker und auch Bieneninstitute solchen Produkten skeptisch gegenüberstehen, ist absolut nachvollziehbar. Diese Kritik teilen wir, sie richtet sich aber gegen die Produkte, nicht gegen das Prinzip.

Die Studienlage ist hier eindeutig. Natürlicher Pollen enthält je nach Pflanzenart etwa 15–30 % Rohprotein [5]. In wissenschaftlichen Untersuchungen eingesetzte, wirksame Proteinergänzungen liegen meist bei mindestens 10 % Protein, häufig im Bereich von 15–25 % [1][6]. DeGrandi-Hoffman et al.konnten zeigen, dass Völker unter Pollenmangel mit proteinreicher Ergänzung größere Brutflächen und höhere Bienenmassen entwickelten als unbehandelte Kontrollvölker [6]. Erst in diesen Größenordnungen lassen sich messbare Effekte auf Brutumfang und Stabilität der Entwicklung nachweisen.

Wir setzen Protein deshalb gezielt und bewusst ein. Der Zeitpunkt ist für uns klar: Februar/März nach dem ersten Reinigungsflug, im Zuge des Schiedens und der Futterkontrolle. Zu diesem Zeitpunkt ist Brut vorhanden, der Polleneintrag aber oft noch unsicher. Wir verwenden ausschließlich Futterteige mit ausreichend hohem Proteingehalt, orientiert an den in Studien wirksamen Bereichen. Nur so lange, bis eine stabile, vielfältige Pollenversorgung, insbesondere über die Weide gegeben ist. Danach wäre eine weitere Fütterung völlig unwirksam, da natürlicher Pollen von den Bienen bevorzugt wird. 

Unterm Strich ist unsere Haltung eindeutig: Die Gabe von Protein im Frühjahr ist kein zwingender Bestandteil der Bienenhaltung, sondern eine bewusste Entscheidung. Wir setzen sie gezielt ein, um unseren Völkern einen möglichst stabilen und gleichmäßigen Start ins Jahr zu ermöglichen. Ziel ist eine harmonische Frühjahrsentwicklung und damit bessere Voraussetzungen für leistungsfähige Völker zur Frühtracht.


Quellen

[1] Brodschneider, R., & Crailsheim, K. (2010). Nutrition and health in honey bees. Apidologie, 41, 278–294.
[2] Seeley, T. D. (1995). The Wisdom of the Hive. Harvard University Press.
[3] Fluri, P., Wille, H., Gerig, L., & Lüscher, M. (1982). Changes in weight of the pharyngeal glands and hemolymph proteins in worker honeybees. Journal of Apicultural Research, 21(1), 9–16.
[4] Amdam, G. V., et al. (2003). Social reversal of immunosenescence in honey bees. Experimental Gerontology, 38, 937–947.
[5] Herbert, E. W., & Shimanuki, H. (1978). Chemical composition and nutritive value of bee-collected pollen. Apidologie, 9, 33–40.
[6] DeGrandi-Hoffman, G., Chen, Y., Huang, E., & Huang, M. H. (2008). The influence of supplemental protein feeding on colony development and pathogen levels. Journal of Apicultural Research, 47(3), 186–195.

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